Manchmal starre ich auf eine moderne Weltkarte, diese Flickenteppich aus klaren Linien und kräftigen Farben. Sie vermittelt eine Stabilität, die trügerisch ist. Diese Anordnung, dieses System, in dem wir leben, ruht auf Fundamenten, die vor fast vier Jahrhunderten in den verwüsteten Herzlanden Europas gelegt wurden. Ich spreche nicht von Bündnissen oder Ideologien, sondern von den stillschweigenden Regeln des Raumes selbst. Fünf Prinzipien, unsichtbar wie die Schwerkraft, haben das Miteinander und Gegeneinander der Staaten organisiert. Doch heute spüre ich, wie dieser Boden unter unseren Füßen bebt und reißt. Es lohnt sich, diese Fundamente noch einmal genau zu betrachten, nicht wie ein Diplomat, sondern wie ein Archäologe, der die Bruchstellen eines antiken Gerüsts untersucht.
Beginnen wir mit der heiligsten aller politischen Kulissen: der nationalen Souveränität. Ihre Geburtsurkunde ist der Westfälische Friede von 1648, ein Dokument der Erschöpfung nach dreißig Jahren religiöser Metzelei. Das geniale, vielleicht zynische Prinzip war einfach: Wer innerhalb eines anerkannten Territoriums die Kontrolle hat, bestimmt die Regeln. Der Glaube des Fürsten wurde zum Glauben des Landes. Es war eine Lösung gegen die Anarchie, ein Pakt, der innere Tyrannei gegen äußere Stabilität tauschte. Die Unantastbarkeit der Grenze wurde zum Fetisch der modernen Staatenwelt. Heute erleben wir ihren gewaltsamen Bankrott in Echtzeit. Russlands Invasion in die Ukraine ist kein gewöhnlicher Grenzstreit. Es ist eine metaphysische Attacke auf die Idee der Grenze selbst. Die Rechtfertigung Moskaus – historische Ansprüche, fiktive Völkermorde, eine eigenwillige Sphäre des Einflusses – zielt direkt auf das westfälische Herz. Wenn Grenzen nur dann gelten, wenn eine Großmacht sie respektiert, dann ist das Prinzip nicht mehr universal, sondern willkürlich. Ich sehe, wie diese Erosion eine fatale Frage aufwirft: Wenn Souveränität keinen Schutz mehr bietet, was tritt an ihre Stelle? Die alte Antwort war das Recht des Stärkeren. Die neue Antwort ist ungeschrieben und blutig.
Das zweite Prinzip war der notwendige Schatten des ersten: die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Es war die Kehrseite der Münze. Du lässt mir meine Despoten, ich lasse dir deine. Dieses Arrangement begann zu bröckeln, lange bevor die ersten Panzer rollten. Der Wandel kam schleichend, getragen von Kameras und Kabelnachrichten. Ein Völkermord in Srebrenica, eine ethnische Säuberung im Rakhine-Staat – diese Bilder lassen sich nicht mehr in die Schublade der domaine réservé eines Staates schieben. Wir haben eine globale Zivilgesellschaft geschaffen, die mitfährt. Die Folge ist eine paradoxe neue Realität. Menschenrechte, einst das klassische Beispiel einer inneren Angelegenheit, sind heute ein internationales Bewertungskriterium. Sanktionen für Unterdrückung, Sportboykotte für Diskriminierung – das sind Eingriffe in die innerste Sphäre staatlicher Autorität. Die Linie zwischen legitimer internationaler Sorge und imperialer Einmischung ist dabei verschwommen geworden, ein Schlachtfeld der Erzählungen. Ich frage mich oft: Verteidigt der Westen universelle Werte oder exportiert er eine spezifische Moral? Für diejenigen, die unter den Sanktionen leiden oder deren Regime gestürzt wird, ist die Antwort selten tröstlich. Das Prinzip der Nichteinmischung ist tot, aber an seine Stelle ist kein kohärentes neues Prinzip der Intervention getreten, nur ein unübersichtliches Gewirr aus Gelegenheit und Macht.
Das dritte Fundament war weniger politisch als wirtschaftlich und räumlich: die Freiheit der Meere. Es war eine brillante Abstraktion, geboren aus der Notwendigkeit des Handels. Die Ozeane sollten ein globales Gemeingut sein, eine Autobahn für alle. Dieser Mare Liberum, wie der niederländische Jurist Hugo Grotius ihn einst beschrieb, war die physische Voraussetzung für Globalisierung. Heute schrumpft dieser freie Raum vor unseren Augen. Ich beobachte, wie Meeresengen zu geopolitischen Faustpfändern werden. Chinas aggressiver Ausbau im Südchinesischen Meer verwandelt eine lebenswichtige internationale Schifffahrtsroute in einen See unter seiner faktischen Kontrolle. Es ist eine langsame, stetige Aneignung des Globalen. Im Schwarzen Meer sehen wir die brutale, unmittelbare Version: Die Blockade von Getreideexporten war eine Waffe, die das Prinzip der offenen Meere in ein Werkzeug der Erpressung umfunktionierte. Die alte Vorstellung von gemeinsamen Routen, die alle bereichern, weicht der neuen Logik strategischer Kontrolle. Wer die Wasserstraße beherrscht, beherrscht den Wohlstand anderer. Diese Renationalisierung des maritimen Raumes zerschneidet die Adern des Welthandels und ersetzt Kooperation durch ständige, nervöse Konfrontation.
Wo Regeln brechen, braucht es Schiedsrichter. Daher das vierte Prinzip: multilaterale Organisationen als neutrale Foren. Die Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation, der Internationale Gerichtshof – sie waren die institutionalisierte Hoffnung, dass Staaten ihr Wildwest-Verhalten ablegen und sich an einen Tisch setzen würden. Ihr Erfolg hing von einer stillschweigenden Voraussetzung ab: dass die Großmächte im Kern ein größeres Interesse an der Aufrechterhaltung des Systems als an seinem Niederbruch haben. Diese Voraussetzung ist nicht mehr gegeben. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, das Herzstück des Systems, ist durch das Vetorecht der Ständigen Mitglieder gelähmt. Es ist ein Theater geworden, in dem geopolitischer Streit in diplomatischem Zeremoniell aufgeführt wird, während darunter die eigentlichen Kriege toben. Die Welthandelsorganisation, einst Motor der Regelbindung, liegt im Sterben. Ihre Appelate Body, ihr oberstes Gericht, ist handlungsunfähig, blockiert von denen, die ihre Urteile fürchten. Der Multilateralismus leidet nicht an einem Mangel an Bürokratie, sondern an einem Mangel an gemeinsamem Glauben. Wenn die mächtigsten Spieler das Spielfeld lieber verkleinern, um ihr eigenes Spiel zu spielen, dann verkommen die großen Hallen der globalen Governance zu Museen einer vergangenen Ordnung.
Das fünfte und letzte Prinzip ist das grundlegendste: das staatliche Gewaltmonopol. Max Weber definierte den Staat durch sein Recht, legitime physische Gewalt auszuüben. Krieg war die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, aber sie war staatliche Politik. Diese Klarheit löst sich in einer Wolke aus Privatisierung und Digitalisierung auf. Ich denke an Gruppen wie die Wagner-Söldner. Sie sind keine Rebellen oder Milizen im herkömmlichen Sinne, sondern Schattenarmeen, die von einem Staat finanziert und geleugnet werden. Sie verwischen die roten Linien, die für Vergeltung gezogen wurden. Wie soll man auf einen Angriff reagieren, den ein Staat offiziell nicht zu verantworten gibt? Noch unsichtbarer und perfider ist die digitale Unterwanderung dieses Monopols. Ein Cyberangriff, der ein Stromnetz lahmlegt, kann von einem nachlässigen Teenager, einem kriminellen Kartell oder einem ausländischen Geheimdienst stammen. Die Zuordnung ist schwierig, die Antwort unklar. Das Gewaltmonopol des Staates wird nicht nur von außen angegriffen, sondern von innen ausgehöhlt. Wenn nichtstaatliche Akteure mit der Destabilisierungskraft einer Armee operieren können, aber ohne deren Adresse und Verantwortlichkeit, dann zerfällt die gesamte Architektur der Abschreckung und Diplomatie. Es ist die Rückkehr zu einer Art vormoderner Gewalt, getarnt in modernster Technologie.
Was bleibt also von diesem Gerüst, auf dem wir so lange gebaut haben? Ich sehe keine apokalyptische Auflösung, sondern eine tiefgreifende Transformation. Diese fünf Prinzipien werden nicht einfach verschwinden. Sie werden deformiert, umgedeutet, von den Mächtigen für ihre Zwecke instrumentalisiert. Wir bewegen uns in eine Welt der fragmentierten Souveränität, wo formale Grenzen für Daten, Kapital und Söldner durchlässig sind, für Menschen aber weiterhin eiserne Vorhänge bleiben. Es ist eine Welt selektiver Intervention, wo der moralische Zeigefinger oft mit strategischen Interessen übereinstimmt. Es ist eine Welt der umkämpften Allmenden, wo jeder Seeweg und jeder Orbit zum potenziellen Konfliktherd wird.
Die Ordnung, die aus diesem Umbruch hervorgehen wird, ist noch nicht geschrieben. Sie wird weniger von feierlichen Verträgen geprägt sein als von den harten Fakten der Technologie, der Demographie und der Rohstoffe. Die Herausforderung für meine Generation ist es, nicht nostalgisch nach Westfalen zu schielen, sondern zu erkennen, dass wir mitten in der Vermessung einer neuen, ungeordneten Welt sind. Die alten Prinzipien geben uns eine Karte von gestern. Wir müssen lernen, in einem Gelände zu navigieren, das sie nicht mehr abbildet. Die Arbeit beginnt jetzt.